Hochzeit mit dem Tod

Hochzeit mit dem Tod

Ein weißer Schleier bedeckte das Gesicht seiner toten Frau. Sie stand im Brautkleid neben seinem Bett und streckte ihm sehnsüchtig die Hand entgegen.
   »Komm zu mir«, sagte sie. »Lass mich nicht länger warten, Jakob.«
   Das alte Herz rumpelte in seiner Brust. Wie sehr hatte er ihre Stimme vermisst. Er seufzte und sank tiefer in sein Kissen. »Du musst dich noch gedulden. Ich werde hier gebraucht.«
   Katherine krallte ihre langen Fingernägel in seinen Unterarm. »Aber ich sehne mich nach dir. Gib mir heute Nacht das Ja-Wort und wir sind für immer vereint.«
Jakob runzelte die Stirn und dachte nach. Ihre blassen Lippen hatten sich hinter dem Schleier zu einem Lächeln verzogen.
   »Und was wird aus meinem Hund, wenn ich mit dir gehe?«, fragte er und spitzte zur angelehnten Zimmertür.
   Der faulige Atem, der ihre Antwort begleitete, erschreckte ihn: »Der Köter wird ein neues Zuhause finden. Er kommt ohne dich klar – aber wir nicht.«
   Katherine legte eine Hand auf ihren Bauch. Das Blut, das sich unter dem zerfetzten Stoff sammelte, quoll zwischen ihren Fingern hervor und tropfte auf den Boden. Kleine, rote Fußspuren entsprangen der Pfütze und tappten in Richtung Kleiderschrank.
   »Komm spiel mit uns, Papa!« Die Kinder kicherten und verschwanden hinter den Spiegeltüren.
   Katherine neigte den Kopf. »Sie können es kaum abwarten, dich kennenzulernen.«
Jakobs Magen verkrampfte und eine Gänsehaut legte sich über seinen Körper. Tränen behinderten seine Sicht, aber er war sich sicher, dass sich ein Schatten neben der linken Spiegeltür bewegt hatte.
   »Deine Familie wird ungeduldig. Lass die Kirchenglocken läuten, mein Sohn!«
   Sein Vater kam mit klopfenden Schritten näher und brachte dichten Zigarrenrauch mit, der im Mondlicht durchs Zimmer tanzte. Das Holzbein, das seit Kriegsende seinen Stumpf unterstützte, schleppte er noch immer mit sich herum.
   Er blieb an Katherines Seite stehen und lehnte sich gegen ihre Schulter. Jakob wich ihren Blicken aus, die drohten, ihn aus dem Bett zu ziehen. Sie bedrängten ihn, raubten ihm die Luft.
   »Ich bin nicht bereit dieses Leben hinter mir zu lassen«, stammelte er. »Es ist alles, was ich kenne.«
   »Ach Schatz, entspann dich«, hauchte ihm eine weitere Stimme ins Ohr. »Die Entscheidung ist längst gefallen.« Das warme Schnaufen, das darauf folgte, brachte sein Hörgerät zum Pfeifen. 
   »Deine Mutter hat Recht«, sagte Katherine. »Hör auf, dich dagegen zu wehren.«
Erst jetzt bemerkte Jakob den Umriss ihrer Gestalt im Spiegel. Seine Mutter lag neben ihm im Bett. Vorsichtig drehte er den Kopf zur Seite und starrte ihr direkt in die funkelnden, grauen Augen.
   »Erlaubt mir noch ein wenig Zeit«, sagte er mit zitternder Unterlippe.
   »Die brauchst du nicht, dein Tag war lang. Ruh dich endlich aus. Wir sind jetzt bei dir, Jakob. Für die Ewigkeit.«
   Er wollte abhauen, einfach aufstehen und davonlaufen, aber sein Körper ließ ihn im Stich. Die Kraft wich aus seinen Gliedern und seine Augenlider wurden schwer. Seine Mutter streichelte ihm die Haare aus der Stirn und tröstete ihn mit einem Wiegenlied. Dabei entging ihm nicht, wie Schatten das einfallende Mondlicht verdrängten. Der nächtliche Besuch hatte sich über ihn gebeugt und presste ihm grinsend die Hände aufs Gesicht.
   Als kurz darauf der aufgeschreckte Hund die Schlafzimmertür mit der Schnauze aufstupste, hatte das Leben seinen Körper bereits verlassen.

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